Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg e.V.
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Mygrantulation

"Ziemlich coole Sache"

Rund 200 Jugendliche aus ganz Deutschland diskutierten beim Jugendkongress "Mygrantulation" über ihre Situation in der Einwanderungsgesellschaft

Claudi fliegt raus aus dem Assessment-Center. Vorbei der Traum vom dualen Studium bei der Agentur für Arbeit. "Suchen Sie sich professionelle Hilfe zum deutsch Lernen!", hieß es. Claudi ist in Deutschland geboren, hat hier Abitur gemacht. Nahm man es mit der Sprache bei ihr besonders genau, weil sie portugiesische Wurzeln hat?

Deniz hat den Gehweg wieder für sich alleine. Entgegenkommende Passanten wechseln kurz vor ihm schnell noch die Straßenseite. Immer wieder läuft das so. Schwarze Haare, schwarzer Bart - haben die Leute in dieser wohlhabenden Wohngegend Angst vor ihm?

Anna wird von Geldmünzen getroffen. Man schmeißt ihr in der Schule Hartgeld hinterher. "Ihr braucht doch jeden Cent, ihr Griechen!" Anna ist fassunglos: "Warum tun Menschen so etwas?"

Es sprudelt nur so heraus aus den Jugendlichen, die im Forum des Cannstatter Sports-Zentrums an runden Tischen zusammensitzen und die erste Frage an diesem Vormittag bearbeiten: "Welche Probleme gibt es?". Die Antworten werden gesammelt, es wird nachgefragt, es werden Stichworte auf Flip-Charts notiert. Dann geht es an die nächste Frage. "Was läuft gut?". Auch dazu gibt es viel zu notieren. "Die Bildungsmöglichkeiten", "Die Individuellen Förderungen", "Offenheit in der Jugendarbeit"...

 "World-Cafe" heißt die Workshop-Methode, mit der das große Tagungsthema auf den kleinen Alltag der Jugendlichen übertragen wird. Nicht aus aller Welt, aber doch aus ganz Deutschlands sind die Jugendlichen und jungen Erwachsenen für diese Tagung angereist: Berlin, Mannheim, München, Frankfurt, Karlsruhe... Rund 200 junge Menschen - der jüngste gerade mal 13 Jahre alt - mit unterschiedlichem Migrationshintergrund sind gekommen und erörtern einen ganzen Tag lang gemeinsam ihre Lebenssituation in unserer Einwanderungsgesellschaft. Sie diskutieren Fragen zu ihrer Identität, ihren Werten, ihren Chancen und ihrem Engagement in unserem Land. Die Veranstalter, die Jugendorganisation der Türkischen Gemeinde Deutschlands, "Young Voice", gaben dem Kongress den Titel "Mygrantulations", ein Kunstwort aus den Begriffen Migration und Gratulation. Soll heißen: nimm`s positiv - betrachte "Migrationshintergrund" von seiner wertvollen und vielfältigen Seite, zu der Du Dir ruhig gratulieren kannst.

"Was macht den Unterschied?"

Dass Letzteres leichter gesagt als getan ist, machten die an den runden Tischen geäußerten Erfahrungen mehr als deutlich. "Ist die Situation mit Migrationshintergrund im Alltag eine besondere?", lautete denn auch eine sehr heftig diskutierte Frage. Als Fazit stellten die Jugendlichen fest, dass der Migrationsursprung vor allem im Umgang mit älteren Menschen noch immer ein großes Thema ist, besonders stark im Arbeitsleben. Bei jüngeren und Gleichaltrigen sehen sie dagegen kaum noch Probleme.

Die Frage, was den Unterschied zwischen den Menschen in unserer Gesellschaft heute kennzeichnet, beschäftigte den einzigen Fachreferenten des Tages, den Leiter der Sinus-Akademie, Peter Martin Thomas. Er stellte zunächst klar, dass von den wichtigsten Entwicklungen alle Jugendlichen gleichermaßen getroffen und betroffen sind, ob mit oder ohne Migrationswurzeln: alle sind permanent online, alle stehen vor den Herausforderungen des demografischen Wandels, der aus der Alterspyramide den "Altersdöner" oder die "Altersurne" werden ließ, alle leben damit, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klafft. Was also macht noch den Unterschied? Aus den Erkenntnissen der Jugendforscher, nach intensiven  Befragungen von Jugendlichen, wird deutlich, dass sich die wichtigen Unterscheidungsmerkmale nicht mehr auf Nationalität, sexuelle Orientierung, Religion oder Hautfarbe reduzieren lassen. Vielmehr seien es genau betrachtet drei Kategorien, die Menschen in Deutschland heute unterscheiden: erstens die soziale Lage, also Einkommen und Bildungsabschluss, zweitens die Werte, wie Konsum, Familie oder religiöse Werte, und drittens der Lebensstil, etwa politisches Interesse oder soziales Engagement.

Direktes Gespräch mit Politikern

Mustafa, der aus Berlin nach Cannstatt gereist war, spendet dem Referenten heftig Applaus. "Er hat mir aus der Seele gesprochen", sagt er begeistert, "die alten Schubladen taugen nicht mehr, das spüren wir überall". Überhaupt ist der 21-Jährige sehr angetan vom Jugendkongress. "Es ist toll, mit so vielen Jugendlichen zu wirklichen Brennpunktthemen zu sprechen - das ist eine ziemlich coole Sache", so der angehende Erzieher. Er würde sich mindestens einmal jährlich so einen Kongress wünschen, dann allerdings mit stärkerer Beteiligung von deutschstämmigen Jugendlichen. "Vielleicht sogar solche mit leichten Vorurteilen", meint er, "dann hätte man eine richtige Auseinandersetzung".

Vielleicht kann Mustafa ja seinen Wunsch direkt bei Jugendministerin Manuela Schwesig vortragen. Ihr Ministerium hatte den Kongress finanziell ermöglicht. Und in Vertretung von Frau Schwesig überbrachte Thomas Heppener, Leiter des Referats Demokratie und Vielfalt, eine Einladung für zehn Jugendliche nach Berlin zu einem direkten Gespräch mit der Ministerin.

Die Chance zum direkten Gespräch mit den Jugendlichen nutzten auch Politiker aus Bund und Land während des Kongresses. Prof. Dr. Wolf Hammann vom Ministerium für Integration Baden-Württemberg war gekommen, ebenso Cem Özdemir als Parteivorsitzender von Bündnis90/Die Grünen, Karin Maap als MdB der CDU/CSU, Heike Hansäl, MdB der Linken, Thomas Poreski, MdL Bündnis90/Die Grünen, oder auch Prof. Dr. Ismail Yavuzcan von der Uni Tübingen. Gari Pavcovic, Integrationsbeauftragter der Stadt Stuttgart,Nejdet Niflioglu, Vorstandsvorsitzender von Daimler Türk Treff, und Tulja Goldmann vom Landesjugendring.  Zum Abschluss beteiligten sie sich an den Diskussionstischen im "World-Cafe" und stellten sich anschließend den Fragen der Jugendlichen.

Für Gökay Sofouglu, Bundesvorsitzender der TGD und als Vorsitzender der TGBW auch Veranstalter vor Ort, war der Kongress ein voller Erfolg.

 

https://www.youtube.com/watch?v=dWDdQBiVD7M

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Fr 20.03.2015

Manuela Schwesig trifft Jugendverband der Türkischen Gemeinde

Am 20. März hat Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig Jugendliche und junge Erwachsene des Jugendverbandes der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Young Voice, getroffen. Thema des Gesprächs waren unter anderem die alltäglichen Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen von jungen Muslimminnen und Muslimen und von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Aber auch Fragen von Zugehörigkeit, Identität, Religion und bürgerschaftlichem Engagement wurden diskutiert. "Es ist wichtig, dass junge Menschen mit ihren Diskriminierungserfahrungen nicht alleine gelassen werden", sagte Manuela Schwesig.

Bundesprogramm "Demokratie leben!"

Young Voice wird im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" mit dem Projekt "Engagement-Crew (E-CREW) – Bring dich ein, hinterlasse Spuren und schreib Geschichte" gefördert. Mit dem Projekt erhalten Jugendliche, die sich dem muslimischen Kontext zuordnen, Räume, um sich über Muslimfeindlichkeit und ihre Auswirkungen im Alltag auszutauschen.

Dabei soll insbesondere der Frust, den viele Jugendliche durch zum Teil jahrelange Diskriminierungserfahrungen empfinden, in etwas Produktives umgewandelt werden. Als Ziel sollen die Jugendlichen Engagement für sich und andere entwickeln. Manuela Schwesig: "Mit dem Projekt geben wir den Jugendlichen das Zeichen: Ihr seid uns wichtig, wir verstehen euch, wir wollen davon wissen."

 

 

Bildnachweis: BMFSFJ Manuela Schwesig empfängt Mitglieder von "Young Voice" im Bundesfamilienministerium

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