Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg e.V.
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Schorndorf - In Workshops Toleranz lernen

Nachdem sich am Anfang der Woche Berufsfachschüler und angehende Arzthelferinnen mit Toleranz und Intoleranz beschäftigt haben, diskutierte zur Wochenmitte eine Berufskolleg-Klasse mit den Pädagogen Barbara Lohner und Simon Gmeiner (rechts und links außen

Schorndorf

Auf einen toleranten und respektvollen Umgang legen Schulleitung und Lehrerkollegium an der Grafenbergschule großen Wert. Auch darum haben die Christoph-Sonntag-Stiftung, die Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg und der Kreisjugendring in der gewerblichen Schule offene Türen eingerannt mit ihrem Angebot, eine Woche lang Workshops für die Berufschulklassen anzubieten. Thema der Auseinandersetzung: Toleranz und Intoleranz.

 

Klar, dass Jugendlichen beim Listenschreiben meistens mehr beleidigende als wertschätzende Worte einfallen. Wirklich alarmierend ist das aber nicht. Schimpfwörter, sagt Pädagoge Simon Gmeiner, sind auch Teil der Jugendkultur. Auch wenn’s irritieren und schockieren mag – „es ist eine sprachliche Entwicklung“. Doch einfach ignorieren, geht auch nicht. Und darum haben er und seine Kollegin Barbara Lohner, die zu einem von insgesamt fünf Workshops in die Grafenbergschule gekommen sind, auch erst mal versucht, die Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren – und ihnen eben nicht nur gesagt, „sie sollen damit aufhören“, erläutert Gmeiner.

Bewegend und intensiv: Diskussion und Tanz

 

Denn mit Reden allein ist es in den von der Christoph-Sonntag-Stiftung, der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg und dem Kreisjugendring initiierten Toleranzwochen nicht getan. Und so ging es – jeweils mit einer Berufschulklasse – vormittags an sechs Lernstationen zunächst um die wertschätzende Wortwahl. In kleinen Gruppen und in der großen Runde wurde aber auch über Selbst- und Fremdwahrnehmung, über Vorurteile etwa bei der Vergabe von WG-Zimmern und über Vorbilder diskutiert, über die scheinbar einfache Lösung und über Zivilcourage, also über die Grenzen von Toleranz. Und immer wieder darüber, wie sich Konflikte konstruktiv lösen lassen. Als stellenweise „sehr intensiv“ beschreibt Gmeiner die Diskussionen. Dass Toleranz bewegt, das konnten die Schülerinnen und Schüler nachmittags in der Arbeit mit Tanzpädagogen erleben.

Zu messbaren Ergebnissen zu kommen, ist schwierig. Schließlich, sagen Barbara Lohner und Simon Gmeiner, handelt es sich bei der Pädagogik immer um „ein Ermöglichen von Verhaltensweisen“. Und doch haben sie in den Workshops, die sich als Teil der politischen Bildung und der Gewaltprävention verstehen, feststellen können: „In den Köpfen passiert viel.“ Womöglich auch, weil die Pädagogen von außen kommen: Im Deutsch- und im Gemeinschaftskundeunterricht, sagt Klassen- und Beratungslehrerin Petra Klaus-Zenetti, werden Toleranz und Menschenrechte natürlich auch immer wieder thematisiert. „Das ist nichts Neues.“ Und mögen die Pfade auch gelegt sein, das Thema bekommt mit den Workshops automatisch mehr Gewicht. Zurecht, wie die Berufschullehrerin findet: „Toleranz ist das, was uns im Moment bewegt“. Ohne Toleranz, sagt sie, „können wir unsere Welt vergessen“.

Da trifft es sich gut, dass ein wertschätzender Umgang an der Grafenbergschule nicht erst seit der Toleranzwoche angesagt ist: Schulleitung und Lehrerkollegium, versichert auch Pressesprecherin Jutta Schwarz, legen großen Wert auf ein respektvolles Miteinander. 2600, in der Mehrzahl männliche Schüler im Alter von 16 bis 22 Jahren, ein Viertel mit Migrationshintergrund – „dafür geht es hier sehr kultiviert und würdevoll zu“, sagt Schwarz. Daran haben sicher auch die beiden Schulsozialarbeiter und die Beratungslehrer ihren Anteil. Für Jutta Schwarz geht es aber auch um das tägliche Miteinander: E-Mails von Schülern in unangemessenem (Befehls-)Ton akzeptiert sie nicht und thematisiert dies, wenn’s sein muss, auch im Unterricht. Gleichzeitig kann sie von einer ehemaligen Schülerin berichten, die sich während ihrer Zeit an der Grafenbergschule einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat – „und das wurde von der Klasse toleriert“.

Hand in Hand

Die Toleranzwochen sind ein gemeinsames Projekt der Christoph-Sonntag-Stiftung und der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg. Im Rems-Murr-Kreis unterstützt außerdem der Kreisjugendring das Workshop-Angebot für Schulen.

Die Türkische Gemeinde beteiligt sich nach Auskunft ihres Pressesprechers Werner Schulz an der Realisierung, weil Kinder und Jugendliche mit türkischen Wurzeln „häufig Opfer von Diskriminierung sind“. Das Netzwerk „El Ele“ (Deutsch: Hand in Hand) soll ihnen ermöglichen, die Opferrolle abzulegen und sich als Teil der Gesellschaft wahrzunehmen.
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